Biomarkt

Es ist laut, aber mein Kopf dämmt die ankommenden Töne. Mein Blick, wie festgefroren auf den Bildschirm gerichtet. Die Welt um mich herum ist zu laut, zu schnell und zu aufgewühlt, jedoch ist sie im Moment nur Nebensache, ich blende sie aus, denn sie lenkt mich ab. Seit geraumer Zeit schaue ich jetzt schon den Bildschirm an, ohne einen Finger zu rühren. Mein Kopf ist überarbeitet, er braucht eine Pause, ich brauche eine Pause. Doch sobald ich der realen Welt wieder Aufmerksamkeit schenke, will ich wieder zurück, zurück in meine Ruhe, zurück in meine Welt. „Die Kraft der Erdbeben“, ist die Schlagzeile für meinen Bericht, doch es ist nicht wie sonst, heute ist mein Kopf leer, keine Ideen, keine Anhaltspunkte. In mir versunken, bemerke ich die Ansprechversuche meines Arbeitskollegen nicht, welcher mich nach meiner objektiven Meinung fragt. Ohne auf seinen Text groß einzugehen, erkläre ich ihm ein paar Verbesserungsvorschläge und mache mich dann auf den Weg raus aus dem Büro. Es ist erschreckend kalt für Mitte August, weshalb ich meinen Mantel fest zuziehe und den nicht sonderlich warmhaltenden, aber sehr gut aussehenden Hut aufsetze.


Der erste Schritt in meine Wohnung ist immer derselbe, zwar heute früher als sonst, aber dennoch bleibt er gleich. Befreit von den Zwängen meiner Kleidung lege ich mich in mein Bett, obwohl es dem Wort Bett in meinem Falle wohl an einem „r“ mangelt, denn Brett beschreibt es um einiges besser. Es ist das erste Bett, was ich mir je gekauft habe, denn mein vorheriges, welches nun meiner Frau gehört, stand schon in meinem Zimmer als ich das erste mal die Bleibe wechselte. Gekauft hat es damals noch mein Vater. Das was jetzt hier steht, stand schon vor meinem Einzug hier, lediglich die Bettwäsche habe ich gewechselt. 


Meine Frau hat es tatsächlich geschafft mich aufs letzte Reiskorn auszubeuten, nur wie? Wie können ihr jetzt die Sachen gehören, die ich gekauft habe? Wie kann sie jetzt auf dem Bett schlafen, welches mich durch meine Jugend begleitet hat? Eine Frau, die man liebt, wird zu einer Frau die einen beklaut mit dem System im Rücken. Das System was dir Tag für Tag eine Arbeit aufzwingt und dir Woche für Woche Dinge verbietet, dir Monat für Monat Geld aus der Tasche zieht und dir Jahr für Jahr klar macht, dass du der Gefangene in diesem Gefängnissystem bist, nur um dir am Ende in Form eines Richters klar zu machen, dass du im Unrecht bist und dich wieder zu einem Neuanfang zwingt. Solch ein System soll man unterstützten?


Eine Reklame über den neuen Biomarkt! Das ist alles was ich Tag und Nacht durch mein Viereckiges Fenster sehen kann oder auch nicht sehen kann, denn wenn die Reklame vom Regen nicht ein wenig gesäubert wird, macht es auch niemand anders. Seit fünf Monaten, die ich in dieser Wohnung wohne, hat sich die Reklame nicht geändert und wahrscheinlich auch in fünfzig Monaten, wenn der Supermarkt schon wieder abgerissen wurde und durch einen größeren, besseren und neueren ersetzt wurde, wird wohl diese Reklame noch immer leuchten.


Halte nicht den Verkehr auf, hat sie mir immer gesagt, wenn ich anstatt auf die rote Ampel zu starren, bis sie ihre Farbe ändert, die Landschaft betrachtete. Sie konnte nicht entspannen und war immer gehetzt. Das wird sie wahrscheinlich auch heute noch nicht geändert haben, jedoch muss ich mich nun nicht mehr ihren Eigenschaften fügen. 


Die Natur, wie lange ich keinen Wald mehr betreten habe, jeden Tag sehe ich einzig und allein stahl Bäume neben der Straße in gleichen Abständen stehen. Statt Berge sieht man hier Hochhäuser, welche alle samt gleich angeordnet und in derselben Bauweise nebeneinander in die Höhe ragen.

Ich sehe sie in dieser Wohnung, obwohl sie noch nie hier stand. Ich erinnere mich an Erlebnisse mit ihr beim Anschauen von Sachen die nichts mit ihr zu tun haben. Mein Kopf verbindet alles mit ihr und das, obwohl er doch weis was passiert ist.


Hätte es geheißen, ja wäre ihr unterstellt worden, sie hätte ein Mord begangen, ich wüsste nicht, ob ich nicht auch, wenn sie vor mir gestanden hätte, schluchzend und sagend, dass sie es nicht war, ich wüsste nicht, ob ich ihr nicht auch dies geglaubt hätte. Nur durch die Liebe, nur durch ein Gefühl verändert sich die Welt, wie man sie sonst nie verändern könnte.

So kann Liebe die Köpfe der Menschen verdrehen und so können die Menschen, welche die Liebe als Böses zu nutzen wissen, die Liebenden ausbeuten und von den Füßen reisen.

Ist sie so eine? Eine, welche die Liebe als Böses zu nutzten weiß.


Die Reklame flackert, alle zwanzig Minuten flackert sie kurz auf. Es kommt mir jedes Mal wie ein Hilferuf vor. Mein Leben gleicht dem der Reklame, ich kann mich nicht mehr um mich selbst kümmern, hab keinen, der mich sauber machen würde, nur der feine unterschied zwischen mir und der Reklame ist wohl, dass sie nicht menschlich ist. Sie kann nicht reden, sich nicht ausdrücken, sie kann an ihrem Dasein nichts ändern, denn sie wurde durch Menschen geschaffen und diese Menschen sind die einzigen, die sie verändern könnten. Ich könnte mich selbst verändern, ich bin nicht abhängig von Menschen, jedoch habe ich mich abhängig gemacht, ich bin so tief gefallen, dass ich verzweifelt und verkrampft auf jemanden warte, der nicht kommen wird, auf den Regen, der nicht kommen wird, um mich rein zu waschen.


Ein Schmerz, der dauerhaft meinen Kopf unablässig belagert.

„Sie müssten einen Termin zum Kernspin ausmachen, ich kann ihnen hier nicht sagen, woran das liegen könnte“, sagt mir der alte Mann.

Graue Haare, noch habe ich sie nicht, noch kann ich beruhigt in den Spiegel sehen, ohne jedes Mal ein neues Entdecken zu müssen. Der Mann hat mehr als nur genug von ihnen, sie haben den Kampf gegen die Schwarzen schon fast gewonnen.

„Ich könnte ihnen den 30.07 als Termin anbieten, passt das bei ihnen?“

„Bei mir würde jeder Tag passen, keiner ist geeigneter oder ungeeigneter als der andere, da sie alle gleich sind“, das würde ich eigentlich sagen wollen, jedoch antworte ich mit einem plumpem „Ja, das passt“.

Er hat ein freundliches Gesicht, er schein geübt im Lächeln.

Ein Arzt müsste man seien, ständig mit einem schönen Gefühl leben, da man so vielen Leuten hilft. Nein, ein Arzt trägt Verantwortung, ein Arzt muss einstecken und ein Fehler, der ja nun mal menschlich ist, löst bei einem Arzt viel schlimmer Verkettungen aus als bei Anderen.


Der erste Schritt in meine Wohnung ist immer derselbe. Er fühlt sich wieder gleich an, er ist Routine, aber eine Routine, an die ich mich nicht gewöhnen kann. Der Schritt hat mir noch nie gefallen, denn immer betrete ich eine Fläche, auf der nichts passiert, auf der noch nie etwas Produktives geschah.


In den Staub auf dem Regalflachdach, male ich eine Blume, diese steht neben einem Baum, der wiederum steht an einem See. Eine schöne Vorstellung leider besteht sie nur in meinem Kopf.

In den Staub auf meinem Fenster, male ich ein Haus, ein Haus wie man es schon in der Grundschule gemalt hatte, es hat zwei Nachbars Häuser, welche ihm identisch sind.

Die Gottesansicht habe ich von diesem Fenster. Alles was sich unten abspielt, sehe ich wie ein Schachbrett unter mir.


Ihre Finger sind unruhig, sie streift immer wieder an ihrer seltsam gefärbten Bluse entlang, während sie auf mich wartet. Ich soll ein Formular ausfüllen. Ein Arztbesuch ist jedes Mal langjährig, egal ob man nur einen roten Fleck am Bein hat, man muss erst ein mal Stunden warten, bis man dann für zehn Minuten in einem kleinen Raum Fragen gestellt bekommt und nach dem der Doktor alles hat, wird man immer weiter geschickt, zu einem Fachmann oder einem Krankenhaus. Für dieses Trauerspiel muss man dann am Ende noch ein zweiseitiges Formular ausfüllen, nur um dem System weiterhin Nahrung zu geben.

Sie nimmt mir den Bogen ab, schaut mit einem schnellen Blick darüber und legt ihn bei Seite.

„Gibt es noch irgendetwas?“, fragt sie mit einer unfreundlich klingenden Stimme.

Ich hatte keinen Grund mehr dort stehen zu bleiben und doch tat ich es, jedes Mal wieder, stand ich weiterhin dort, obwohl ich mit allem fertig war und hätte gehen können. Immer stand ich noch da und ließ es unangenehm werden.


Das Telefon klingelt. Seit Wochen hat es nicht mehr geklingelt. Ein Anruf auf dem Festnetz ist selten geworden und es ist meistens mein Vater, welcher sich hinter dem Anruf verbirgt. Der Weg vom Fenster zum Hörer lässt mich ein wenig keuchen. Es steht "unbekannt" auf dem Display. Nach Drücken des roten Knopfes erlischt das Klingeln. Endlich wieder meine gewöhnte Ruhe. Mit langsamen Schritten gehe ich zum Bett hinüber und lege mich vorsichtig ab. Es ist unbequem und hart, jede Nacht verursacht es schlimmere Rückenschmerzen. Ich greife nach dem Buch, das auf meinem Bett aufgeschlagen, mit der Front aufs Kissen gedrückt liegt.


Ein lautes Geräusch mischt sich in meine Traumwelt ein und es wird immer lauter und präsenter. Ich binde es mit in den Traum von riesigen Wellen, welche ich zu beherrschen versuche, ein, bis ich wahrnehme, dass es ein Klingeln ist. Meine Augen sind schwer und erst nach einer Weile setzte ich mich auf. Der Blick aus dem Fenster verrät, dass es schon einige Stunden später seien muss, denn die Welt draußen ist bereits schwarz geworden und die stahl Bäume sind nun für die Beleuchtung verantwortlich. Das Telefon zeigt mir einen verpassten Anruf an, es ist mir egal und so stehe ich auf, um mir ein Glas zu holen. Es ist irgendetwas anders. Das Aufstehen fühlt sich anders an, leichter als sonst, als würde mir jemand dabei helfen. In der Küche brennt seit meiner Rückkehr vom Arzt das Licht und so haben sich ein paar Ungeziefer um es herum versammelt, um deren Kreise zu ziehen.

Mit dem Glas in der Hand, gehe ich zum kaum sichtbaren aus dunklem Holz gefertigtem Schrank, welcher nur durch das Licht, welches flüchtig durch das Fenster scheint, sichtbar wird. Ohne groß über Name, Herkunft oder Alter des Weines nachzudenken hole ich eine Flasche aus dem Schrank und schenke mir ein.

„Bauhaus“ steht es fett geschrieben vor mir. Bauhaus, es gibt vielleicht ein Neues in der Gegend, das wäre für mich ja nur praktisch. Mein Blick wandert weiter runter zur Straße, jedoch schaue ich schnell wieder hoch und realisiere erst dann, was mir so anders vorkommt. „Die Reklame!“, schreie erschrocken los. Sie wurde tatsächlich geändert, nach all den Monaten und ich habe es nicht ein mal mitbekommen, verschlafen habe ich es. Wieso auf ein mal? Wieso wird von jetzt auf nachher die Reklame verändert? Es macht mir etwas aus, doch ich verstehe nicht warum mich eine Reklame so interessiert. Ich vergleiche sie viel zu sehr mit mir, ich sah sie sich nie verändern und konnte das auf mich überleiten. Wie kann ich mich selbst schon von einer Reklame runterziehen lassen?

Bauhaus. Das wird jetzt das Nächste sein, was ich mir für Monate anschauen kann. Immer noch leicht ungläubig gehe ich zurück in die Küche, ich stelle das Glas in die Spüle und laufe in Richtung Bad.

Der Blick in den Spiegel lässt mich schaudern. Meine Augen sind unterstrichen von zwei großen, fast schwarzen Streifen, meine Haut ist bleich, als wäre ich Tage nicht Draußen gewesen, fast als würde sie von mir abfallen. Meine Haare sehen ungewaschen aus, vielleicht bin ich noch von grauen Haaren verschont, jedoch mein Gesicht sieht schon ohne sie alt aus, ich sehe schon ohne sie alt aus.

Der Wasserhahn quietscht beim Aufdrehen, das kalte Wasser klatsche ich mir ein paar mal ins Gesicht. Wäre es nicht ein guter Zeitpunkt was zu ändern? Es zumindest zu versuchen.

Als ich zurück aus dem Bad komme stehen Schuhe vor mir auf dem Boden. Werde ich jetzt verrückt, mit Sicherheit standen diese eben noch nicht da, sonst wäre ich ja auch darüber gestiegen. Beim näheren betrachten fällt mir auf das sie nicht zu mir gehören können, sie sind aus Leder und in einer Farbe, welche ich niemals kaufen würde. Ich nehme sie in die Hand und richte mich wieder auf, während dem hochkommen, bemerke ich erst, dass jemand völlig regungslos vor mir auf dem Bett liegt. Er könnte vom schnellen hinlegen bewusstlos geworden seien, doch von hier aus kann ich es nicht erkennen, es ist noch dunkler als bei meinem erwachen vorhin.

„Hallo?“, rufe ich dem Mann entgegen, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu. Mit einer hastigen Bewegung schlage ich nach rechts, um den dort liegenden Lichtschalter zu treffen. Das Licht blendet im ersten Moment stark, meine Augen brauchen um sich daran zu gewöhnen, doch die Silhouette des Mannes scheint immer noch die gleiche zu sein.

„Wer ist da?“

Meine Augen sind nun wieder klar und vor mir liege ich!

Geschockt, mit aufgerissenem Mund kommt ein unkenntlicher Ton hervor und so schnell es geht, greife ich zum Telefon.

Es klingelt, in dem Moment als ich den Hörer anhebe, fängt es an zu klingeln.

Ich drücke ,so schnell es geht, auf den roten Knopf und wähle den Notruf, doch das Klingeln hat nicht aufgehört. Es wird immer lauter und präsenter! Ich nehme den Hörer hoch und setze ihn wieder ab, jedoch bleibt das Klingeln. Es dröhnt immer stärker in meine Ohren und ich hebe nochmals den Hörer ab, auf dem Display steht nichts, keine Nummer und auch nicht "unbekannt". Ich halte mir den Hörer ans Ohr, doch immer noch klingelt es.


Ich schrecke hoch, meine Augen weit aufgerissen. Es ist dunkel Draußen und das Telefon klingelt auch noch, doch ich sitze wieder in meinem Bett. In meinem Kopf kommt ein stechender Schmerz auf und ich versuche zu begreifen was vorgeht. Ich eile zum Telefon und nehme, ohne zu schauen wer anruft, ab.

„Hallo? Sind sie dran?“, ertönt eine mir bekannte Stimme.

„Hier ist Dr. Blecht, ich versuche sie seit ein paar Stunden zu erreichen, es ist dringend! Kommen sie bitte so schnell wie möglich in die Notaufnahme!“

Seine Stimme ist laut, doch mein Kopf dämmt die ankommenden Worte. Während er redet, gehe ich langsam auf das Fenster zu und schaue hinaus.

„Biomarkt“ steht es in grüner Schrift auf der Reklame.