Bootsfahrt 

 
Durch die Lautsprecher dröhnte die Durchsage des Dampfers, welche die letzten Passagiere auf dem Stelling dazu aufforderte sich auf das Schiff zu begeben. Die Menschen standen zahlreich, rufend, winkend, weinend und lachend an Deck, alle waren darauf erpicht sich von ihren Liebsten noch ein mal zu verabschieden und keiner verlies seinen Platz ehe der Dampfer nicht außer Sichtweite des Hafens war. Seit der Abfahrt saß ich seelenruhig auf der Bank, welche mir als die mit dem größten Blickfeld aufgefallen war. Ich Beobachtete das Treiben auf Deck und lies mich von nichts andrem beirren. Die Menschen liefen in strömen an mir vorbei, jeder wollte so schnell es ging auf sein Zimmer doch durch dieses denken kam man später an als wenn man ganz normal gewartet hätte, so wie ich es tat. Wie viele doch auf so einer schwimmende Metall-Nuss ihren Schlafplatz finden konnten und wie viele von diesen Menschen mit einer art Tunnelblick über die Reling liefen ohne halt bis sie ihr Ziel erreichen würden. Nach langem beobachten fühlte ich in meinem Nacken eine angenehme Wärme, dies brachte mich zu einem kurzen Blick über die Schulter. Hinter mir sank die Sonne, welche sich den ganzen Tag hinter großen Gewitterwolken versteckt hatte, ins Meer und es ergab sich ein Gemälde vor meinen Augen, welches aus drei Schichten, der dunkeln Wolken, der Rotorangenen Sonne und des orange blau schimmernden Meeres bestand. Dieser ruhige und angenehme Moment der stillen Betrachtung hielt jedoch nicht lang. Denn wie Menschen nun mal sind, stürmten sie alle zugleich auf das Deck, an die Reling um dieses Naturspektakel zu zerstören, in dem sie redeten, trampelten und wie eine Herde wild gewordene Gnus, einzig und allein ihr Ziel zu erreichen versuchten, welches in diesem Moment wohl war, diesen Sonnenuntergang mit dreißig verschiedenen Kamerablitzen anzugreifen.
Ich ging zufriedengestellt mit dem schönen Bild in meinem Kopf Unterdeck, um mein Zimmer zu beziehen. Auf dem Weg dorthin viel mir ein Mann auf, er Saß breitschultrig auf einer Bank an der Reling und laß eine Zeitung. Er trug einen braunen Hut und eine viereckige aber an den Ecken abgeschliffene schwarze Brille. Im Moment meines Vorbeigehens schlug er auf die nächste Seite der Zeitung um und in seinem Gesicht spiegelten sich lange harte Jahre ab. Es schien als habe er auf etwas hingearbeitet, auf etwas schier unmögliches hingearbeitet. Dieser Mann weckte mein Interesse, denn auch an Tag zwei und drei trug er den gleichen Hut und auch den selben Anzug, welchen ich an dem Abend nicht sehr gut erkennen konnte. Er war groß -größer als ich- ich schätze ihn auf ein Meter neunundachtzig. Sein Anzug, war der eines typischen Lehrers, braun mit weisem Hemd darunter und einer schwarzen Krawatte. Meine Berufung brachte mich letztendlich auf die Idee wie ich ihn in ein Gespräch verwickeln könnte. Er kam mir sehr gebildet vor, weshalb ich auf eine Gelegenheit wartete ihn mit einer etwas gehobeneren Bemerkung auf mich aufmerksam zu machen. Diese Gelegenheit ergab sich als ich ihn an Deck auf einem der Liegestühle beim lesen entdeckte. Ein paar Passagiere redeten lautstark darüber weshalb der Schornstein des Schiffes auf ein mal schwarzen statt weisen Rauch ausspuckte und ob es etwas schlechtes bedeuten würde. Zufällig kannte ich mich mit dem Thema ein wenig aus, wobei eigentlich passte zufällig nicht. Denn wieder durch meine Berufung wusste ich über dieses Thema bescheid. Ungefähr sechs Monate vor meiner Abfahrt, hatte ich den Auftrag einen Artikel über einen Dampfer zu schreiben welcher den Namen Stefan Batroy trug. Ich recherchierte zu dieser Zeit viel über den Dampfer, er sollte verschrottet werden, weshalb ich einen kurzen Artikel schreiben musste, welcher die Menschen über diese Verschrottung in Kenntnis setzten sollte. Meine Recherchen damals, halfen mir aber bei dem Szenario auf der Überfahrt weiter, denn so wusste ich, dass der schwarze Rauch entweder Rusablagerungen waren, welche sich durch die Hitze aufgelöst hatten und nun in den zuvor weisen Rauch eingedrungen waren oder der Schiffsmotor bekam zu wenig Luft. So ging ich auf diese Leute zu und erklärte ihnen mit lauter Stimme, sodass es der Mann nicht überhören konnte die Sache mit dem schwarzen Rauch. Daraufhin ging ich wieder zurück zu meiner Bank, während dem laufen behielt ich ihn im Auge, er hatte das Gespräch auf jeden Fall mitbekommen und seine Mimik verriet dass er mir wohl dankbar war, dass ich diese Menschen zur Ruhe gebracht hatte.  Ich weis nicht ob es dieser Auslöser war der ihn auf mich aufmerksam gemacht hatte, aber am Abend des selben Tages, sprach er mich an. Ich saß an der Bar und hatte mir gerade, eher aus Langeweile statt aus Lust, einen Whisky bestellt. 
Er setzte sich zu mir und bat den Barkeeper ihm  ein Bier zu bringen, nach dem bestellen drehte er sich um und sagte mit einer alten und Kraftvoll klingender Stimme: „Der Whisky schmeckt hier furchtbar nicht? Das einzige was ich hier gut runter bekomm ist Bier, selbst das Wasser schmeckt irgendwie nicht wie gewohnt.“ 
Ich schaute ihn erst regungslos an, bevor ich etwas sagen konnte. Ich erkannte bei dem Whisky keinen unterschied zu dem an Land, jedoch beim Wasser hatte er recht, es schmeckte etwas mehr nach wiederverwendetem und nicht nach frischem und klaren Wasser. 
„Da haben sie allerdings Recht, im allgemeinen kann man diesen Passagierdampfer nicht als komfortabel bezeichnen“, antwortete ich nach einer kurzen Bedenkzeit.
„Wenn ich fragen dürfte, was führt sie auf diese Schiffsreise? Sie scheinen mir nicht die Person für solch eine unluxuriöse Überfahrt zu seien“, fuhr er fort.
Damit hatte er abermals Recht, denn nie zu vor bin ich eine solche Reise angetreten und dass ihm dies direkt auffiel sagte mir dass er wahrscheinlich wirklich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Lehrer oder Professor sei.
Wieder nach viel zu langem Schweigen, setzte ich fort: „Ich bin Journalist und nebenbei, schreibe ich an „Büchern“. Also Journalist und Hobbyautor wenn man es so mag. Jedenfalls trete ich, wie sie schon gut erkannt haben, eine für mich eher untypische Reise an, welche mich ins schöne Tibet führt.“
„Tibet? Interessant. Und was haben sie geplant dort zu tun, da sie extra ihren Beruf erwähnt haben?“
„Mein Ziel ist es ein paar Monate bei den Einheimischen zu leben und von ihnen, ihre Religion gelehrt zu bekommen.“
Der Mann schien ein wenig zu schmunzeln und so nutzte diese Gelegenheit um ein wenig über ihn zu erfahren.
„Und sie? Was treibt sie auf dieses Schiff?“
Er trank ein schluck aus seinem Bier und antwortete: „Ich bin Professor, genau genommen war ich es. Und zwar unterrichtete ich Philosophie und Soziologie. Dies ist auch der Hauptgrund für meine Reise, denn als ich vor Acht Monaten in Rente ging plante ich eine Reise in das Himalaja Gebirge. Nun nach Acht Monaten hab ich es endlich geschafft mich von meiner gewöhnten Umgebung loszureißen und so bin ich jetzt auf dem Weg dorthin. Im Prinzip wollte ich einfach nach Vierzig Jahren als Professor eine andere Seite der Welt sehen und natürlich, ebenso wie sie, ein wenig in dieser Religion Leben.“
Das Interessanteste von seiner Antwort war wohl die Erwähnung seines Berufes, denn genau wie ich es mir dachte war er Professor und mir kam noch zu gute dass er Philosophie Professor war. Die Reise nach Tibet war ein Weg welchen ich eingeschlagen hatte um Erfahrungen und Erlebnisse zu sammeln, um sie aufs Blatt zu bringen. Es war für mich zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbares Glück diesen Mann getroffen zu haben. Nachdem ich wusste dass er solch eine Berufung ausführte, wollte ich um jeden Preis ein längeres und intensiveres Gespräch über uns Menschen führen
und vor allem wollte ich ihm die Fragen stellen, welche ich im Voraus schon aufgearbeitet hatte um sie den Einheimischen zu stellen.
Bevor ich irgendwie auf seine Antwort reagieren konnte fuhr er fort: „Was mich interessieren würde, haben sie sich über die Völker und deren Glauben in Tibet informiert? Oder reisen sie einfach darauf los?“
Ich tat es ihm gleich und nahm auch einen Schluck meines Whiskys dann antwortete ich ihm: „Das ist eine gute Frage, denn der eine wird es so sehen und der ander so. Da ich als Journalist schon viele Reisen bestritten habe und schon in vielen Ländern zu Gast war habe ich bereits ein wenig Grund Kenntnisse, jedoch ist dies das erste Mal, dass ich auf Tibet zu besuch bin. Es ist aber auch eigentlich nicht mein Gebiet, weshalb dieses Erlebnis auch aus meiner eigenen Tasche entsteht. Ich habe mir in den letzten drei Monaten viel Wissen über Tibet angeeignet und auch viel über deren Völker. Dadurch kam ich auch auf das winzige Königreich „Mustang“, welches sich im Himalaya Gebirge befindet, diesen Ort habe ich als mein Ziel auserkoren.“
„Mustang“, wiederholte er nachdenklich.
„Ja, Mustang. Ein kleines Buddhistisches Volk. Das Dorf liegt in 2.500 Meter Höhe und die Bewohner dort Leben großteils von Ackerbau und dem Tourismus.“ 
Der Professor schien etwas in Gedanken versunken darüber zu grübeln. 
So fragte ich ihn: „Kennen sie dieses kleine Königreich etwa?“
„In der Tat. Mustang das Königreich welches von dem Raja Jigme Palbar Bista geführt wird, nicht wahr?“
„Ja“, antwortete ich etwas ungläubig.
„Woher wissen sie davon?“
„Ich war dort mal zu besuch, zwar durch Zufall und eigentlich ungewollt aber ein halbes Jahr habe ich dort verbracht. Sie wissen dass man eine Genehmigung für den Besuch dort brauch?“
„Ja klar, ich habe mir diese Genehmigung schon besorgt, wobei ich es etwas übertrieben finde. Was ein Glück dass sie dort eine so lange Zeit verbracht haben, erzählen sie mal ein wenig, finden sie dieser Ort ist eine gute Wahl?“
„Hm, ich kann mich an den König dieses reiches noch gut erinnern, er war ein wenig, wie soll ich sagen, anders!“
„Was meinen sie mit anders?“
„Nun, stellen sie sich vor sie sehen ein paar Mäuse. Mäuse ernähren sich, wie sie sicherlich wissen, meist nur von Essnesresten. Also diese Mäuse haben ein bisschen Abfall gefunden und fressen alles auf, jede bekommt was, außer eine. Diese Maus steht nun fast vor dem Hungertod und frisst, bevor sie ihr eigenes Leben lassen muss, eine der Mäuse auf, welche ihr dass Essen weggefressen hatte. So überlebt die Maus zwar durch Kannibalismus, doch sie kann weiter leben. Dies ist das Anders, welches meiner Meinung nach zu dem König am besten passt.“
„Das ist mal ein interessantes Anders, aber das macht es verständlich weshalb man eine Genehmigung zum Einreisen braucht.“
Er schien sich schon seit der Erwähnung des Königreiches an etwas zu erinnern, denn er wirkte komplett ander als zu beginn des Gespräches. Es schien mir nicht als sehr sinnvoll das Gespräch Fortzusetzen und so trank ich meinen Whisky mit einem großen Schluck leer und sagte: „Es war ein Int….“
Bevor ich weiter reden konnte unterbrach er mich: „Ich will ihnen nicht abraten dieses Volk zu besuchen, jedoch passen sie auf wenn sie dort sind, denn dieser Raja ist nicht wie er Anfangs zu seien scheint. Sie werden sich bestimmt wundern warum er seinen Untertanen so sehr ähnelt, von seinem Handeln und von seinem Äußeren her, doch lassen sie sich nicht täuschen denn die Bewohner dieses Dorfes, werden von ihrem Führer unterworfen. Sie werden mir das vielleicht nicht glauben, aber wissen sie eins, ich habe es selbst miterlebt wie tyrannisch dieser Mensch seien kann.“ Mit diesen Worten stand er auf lies seine Hand noch ein mal in der Tasche verschwinden, schaute mich an und gab mir dabei eine kleine Karte. 
„Es war nett sich mit ihnen unterhalten zu haben, jedoch glaube ich dass es fürs erste reicht. Das ist meine Karte, ich würde mich über ein weiteres Gespräch freuen, das würde die öde Überfahrt bestimmt ein wenig interessanter machen. Ich wünsche ihnen noch einen Schönen Abend Herr…?“
„Herr Welst“, sagte ich schlagartig. 
Er lächelte und ging ohne auf eine Antwort Meinerseits zu warten aus der Bar. Der erste Gedanke, welcher in mir beim betrachten seiner Karte hochkam, war, wofür ein Professor in Philosophie und Soziologie eine Karte bräuchte und vor allem warum er diese dann auch noch bei sich führte bei einem normalen Besuch in einer Bar. Nach unserem Gespräch weckte der Mann in mir ein nur noch größeres Interesse als zuvor schon. Irgendetwas an ihm war eigenartig, irgendetwas hatte er an sich was ihn zu keinem normalen Professor werden ließ, ich wusste nur noch nicht was es war. Nach ein paar Minuten versunken im Grübeln, machte ich mich auch auf den Weg zu meiner Kabine. Der Wind war um einiges kühler geworden und auch die Wellen hatten an Größe dazu gewonnen, durch dieses eher ungemütliche Wetter war draußen auf dem Deck keine Menschenseele mehr zu sehen. Die Bank, welche ich schon lange zu meinem Lieblingsplatz gemacht hatte, stand einladend am anderen Ende des ungefähr Volleyball Feld großen Decks und brachte mich letztendlich dazu doch noch mal meine Ziele umzuwerfen. Nach kurzem verweilen auf der Bank zog ich eine Zigarette aus der Schachtel,  welche sich immer in meiner linken Jackentasche befand. Der Wind war stärker geworden und die Flamme meines Streichholzes kam nicht gegen ihn an und nach oftmaligem Scheitern ging ich kurz auf die andere Seite um im Windgeschützten noch Mals zu versuchen die Zigarette anzuzünden. Nach dem sie brannte ging ich zur Reling statt zu meiner Bank und schaute ins Meer hinunter. Es war wild und frei, es verhielt sich als wüsste es dass niemand auf der Welt es jemals bändigen könnte und in mir kam ein gewisser Neid auf. Ich wollte ebenfalls wie dieses Meer so frei und wild durch die Welt fliesen können, befreit von meinem Körper der mich an alles band. Ein starker Windstoß brachte mich ins taumeln und sofort stieg mir dieses Kribbeln in die Brust, welches man immer hatte wenn irgendetwas gefährliches drohte, welches man hatte wenn man ausrutschte oder welches man hatte wenn man unerwartet von jemanden gestupst wurde während man knapp vor einer steilen Stelle stand. Ich hasste dieses Kribbeln denn nach dem es vorüber war, fühlte man sich immer so unwohl. So ging es mir auch nach diesem Windstoß und so beschloss ich, nach dem auch meine Zigarette in die Wellen gestürzt war auf meine Kajüte zu gehen. Viel hatte mir diese Entscheidung doch noch auf das Deck zu gehen nicht gebracht. Unterdeck traf ich niemanden mehr, alle schienen schon zu schlafen.