Jeden Tag

Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, immer und immer wieder dieselben Strapazen, immer wieder diese Wiederholung des Lebens von vor einem oder zwei Tagen. Es sind die gleichen Gesichter Tag für Tag, mal sieht man ein neues Gesicht oder ein bekanntes verschwindet.
Ich komme an meinen Arbeitsplatz und sehe jeden Tag aufs neue meinen braun-blau karierten Schreibtischstuhl, bei dem sowohl Komfort als auch die Kopflehne fehlen, einen kleinen Kaktus in einem schwarzen Topf, den alten und viel zu langsamen PC und das aufgesetzte Lächeln von mir und meinen Eltern auf dem Bild neben dem Kaktus.
Ich lasse mich sanft auf den Stuhl fallen und habe wie jeden Tag die schreckliche Aussicht auf den Eingang des grauen Betonblocks, den manche auch Gebäude nennen, jedoch finde ich diesen Namen mehr als nur unpassend. Das einzig schöne an diesem Job ist der Schallplattenspieler, welcher ein, zwei Schritte von mir entfernt steht, denn auf diesem darf oder kann ich, je nach Belieben, Musik laufen lassen. Meine eigenen Schallplatten, von denen ich mehr als nur genug besitze. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Stapel von Zeitschriften des Modejournals, denn jeden Tag lese ich diese Zeitschrift und so gut wie jeden Tag kaufe ich mir diese Zeitschrift in der Mittagspause.
Über den Tag verteilt, tauchen viele Gesichter auf, manche sprechen mich an oder werfen mir ein Lächeln zu, andere laufen mit einem kalten, starren Blick an mir vorbei.
Heute ist Freitag, was heißt, dass viele Gesichter zu mir kommen, um sich ihren Lohnbeutel abzuholen. Ich beobachte gerne diese Gesichter, denn sie sagen mir, ohne, dass sie es wollen, viele Sachen.
Die meisten schauen mich an, meist mit einem Lächeln, sagen mir ihren Vor- und Zunamen, ich gebe ihnen ihren Lohn und sie verschwinden. Aber manche sind anders, manche schauen mich lange und intensiv an, als wollen sie irgendetwas von mir hören, andere fassen meine Hand beim Übergeben bewusst länger an, was für mich kein Problem wäre, wenn diese Leute nicht so aussehen würden, wie sie es nun mal tun. Ich habe nichts gegen diese Menschen, mein Vater ist auch jemand, der sich freitags seinen Lohnbeutel holen muss, und ich liebe ihn trotzdem, er ist ja schließlich mein Vater. Die Uhr an der schrecklich tapezierten Wand tickt langsam vor sich hin, der große Zeiger fällt auf die zwölf, endlich Mittagspause.

Wie jeden Tag, gehe ich in dasselbe Restaurant um mir erst einen Salat, dann eine Schüssel mit gewürzten Nudeln und zu guter letzt ein leckeres Dessert zu bestellen. Und wie jeden Tag überschlage ich meine Beine, strecke mein Kinn nach oben und zünde mir eine Zigarette an, um danach mein Ellbogen auf dem Tisch abzustützen.
Freitags trinke ich noch einen Kaffee und vielleicht auch einen Cognac. Diesen Freitag bestell ich mir den Cognac dazu.
Die Plätze neben mir sind frei. Ich warte darauf, dass jemand Platz nimmt, dass jemand mich anschaut, dass jemand mich anspricht, ich warte auf eine Katastrophe. Meinen Eltern sage ich, dass ich vorsichtig bin, vor allem bei den Männern, meine Eltern haben Angst, sie haben Angst, ihr hübsches Mädchen zu verlieren, sie haben Angst um ihr Kind. Doch ich lasse mich nicht einnehmen, ich lasse die Männer um mich kämpfen, ich bin niemand, der sich festlegt, niemand, der einen fürs Leben sucht.
Es gibt so viele schöne Gesichter, die mir ein Lächeln zuwerfen, die sich neben mich setzen oder mich ansprechen, meine Hände reichen zum Aufzählen nicht mehr aus, doch von keinem lasse ich mich einnehmen.
Diesen Freitag werde ich wie so oft in ein Gespräch verwickelt, ein großer, gutaussehender Mann stupst mich an und fragt nach dem Platz zu meiner Rechten. Ich nicke nur und wende mich wieder ab. Ich zähle die Sekunden und warte dabei, bis er mich wieder anspricht. Sechsundzwanzig waren es diesmal, er will mir sich vorstellen, doch ich lehne dankend ab, denn diesen Abend warten meine Eltern auf mich mit dem Abendessen.
Natürlich bin ich nicht heiß auf das Brot mit Marmelade zum Abend und die nie enden wollenden Fragen meiner Mutter, vor allem nicht auf die Bitten, mein Französisch zu hören, doch ich komme sie trotzdem immer wieder gerne besuchen, denn nach einer Woche arbeiten, Gesichter beobachten und angesprochen werden, freut man sich auf die wohlvertrauten Gesichter seiner Eltern.
Also gehe ich aus dem Restaurant und schaue noch einmal durch die große Glasfront des Gebäudes zu dem Mann hinein. Er sieht nicht mehr so glücklich aus, aber ich schätze ihn als eine selbstbewusste Person ein, welche so etwas überstehen wird. Zwei Blocks weiter ist meine Station für den überfüllten Bus, ich fahre wieder ins Büro und warte dort die Zeit ab und beobachte Gesichter, so wie jeden Tag.